Odo der Geschichtenerzähler
Mögen die Zwillinge Odo ein langes Leben schenken! Seine Geschichten wärmen das Herz und lassen einen für eine Weile Not und Entbehrungen vergessen. Lomberk der Seiler
Das Feuer knisterte und warf tanzende Schatten über die erwartungsvollen Gesichter, die dem alten Mann zugewandt waren, der es sich auf dem kleinen Platz in den westlichen Randbezirken des von Haus Thornhoff kontrollierten Gebietes auf einem herabgefallenen Mauerstück bequem gemacht hatte. Manche nannten ihn den Mann mit den hundert Stimmen, andere wieder den Legendenweber, doch für die einfachen Leute in den Randbezirken war er schlicht Odo der Geschichtenerzähler. Odomar wartete noch ein wenig, bis die Spannung fast greifbar wurde, dann räusperte er sich und es wurde still auf dem kleinen Platz.
„Als der Kaiser noch in seinem prächtigen Palast im Zentrum der Stadt residierte und an den Sommertagen die bunten Segel auf dem Olifern leuchteten, wie Falterflügel im Morgenlicht … “: begann er seine Geschichte, wie er es nahezu immer zu tun pflegte.
„Lebte auf einem der Hausboote der Flußfischer mit den großen Netzen ein Fischer mit seiner Tochter. Sie waren arm, doch sie hatten ihr Auskommen, denn der Fischer scheute keine Mühe, um seine Tochter vor Hunger und Not zu bewahren. Isela wuchs am Ufer des Olifern zu einem Mädchen von großer Schönheit heran. Bescheiden, fleißig und freundlich zu allen war sie der ganze Stolz ihres Vaters. Ihrer Schönheit wegen wurde sie von vielen Verehrern umworben, doch Isela hörte auf die Stimme ihres Herzens, wies sie alle ab und wartete auf den, dem sich ihr Herz öffnen würde. Eines schönen Sommermorgens saß Isela am Flußufer und wusch sich ihr Goldhaar, als Kadmon der älteste Sohn und Erbe eines lang vergessenen, reichen Hauses, auf dem Weg zu einer Anlegestelle war und Isela erblickte. Vom ersten Augenblick an verliebte er sich in die schöne Unbekannte und sprach sie an. Als Isela den Blick hob, wußte sie, daß der Richtige gekommen war. Doch sie widerstand Kadmons Verführungsversuchen, denn eine flüchtige Liebelei war nicht genug für sie. Kadmon, der es nicht gewohnt war, von einer Frau abgewiesen zu werden, machte ihr den Hof und überhäufte sie mit Geschenken, doch Isela verweigerte sich ihm. Da nahm er eines Abends ihre Hand und sprach: „Ich liebe dich von ganzem Herzen, Isela. Willst du mit mir als meine Frau durchs Leben gehen?“ Mit Freudentränen willigte die schöne Isela ein und Kadmon sprach noch am selben Abend mit seinem Vater. Doch als der Herr des Hauses vernahm, daß die Angebetete seines Sohnes eine arme Fischerstochter war, geriet er darüber so in Wut, daß er seinen Sohn verbat, die Fischerstochter wiederzu sehen und ließ Kadmon in seinen Räumen einschließen. Am nächsten Tag eröffnete ihm sein Vater, daß er schon morgen nach Saguz aufzubrechen hatte, um dort die Angelegenheiten seines Hauses wahrzunehmen. Als sich Kadmon weigerte, drohte sein Vater wutentbrannt, ihn zu enterben und ihn aus dem Hause auszuschließen.
Schließlich willigte Kadmon ein, doch es gelang ihm noch in dieser Nacht, sich aus dem Haus zu schleichen und Isela von dem Unglück zu berichten, daß über sie hereingebrochen war. Doch Isela küßte ihn und sprach: „Geliebter! Habe keine Angst, ich warte auf dich.“
Drei Jahre gingen ins Land und Isela wartete, doch Kadmon, der seinen anfänglichen Schmerz mit rauschenden Festen und schönen Frauen betäubte, dachte weniger und weniger an Isela, der er ewige Liebe geschworen hatte und eines Tages verlobte er sich mit der Tochter eines reichen saguzer Hammerherren. Mit ihr kehrte er nach Pelorn zurück, um die Hochzeit zu feiern. Als Isela zu Ohren kam, wollte sie es nicht glauben, doch als sie mit eigenen Augen an der Spitze des prächtigen Hochzeitzuges ihren Geliebten mit seiner Braut am Arm sah, brach ihr das Herz. Sie lief zur Havesbrücke und stürzte sich in den Fluß. Doch die Königin der Wassernymphen in ihrem Palast aus Perlmutt in den tiefsten Tiefen des Flußes erbarmte sich ihrer voll Mitleid, verwandelte sie in einen großen, silber- und goldgeschuppten Fisch und nahm sie auf in ihren Hof. Um Iselas Gram zu lindern, willigte die Königin ein, sie jedes Jahr einen Tag aus ihrem Dienst zu entlassen und sie von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang wieder menschliche Gestalt anehmen zu lassen.
Viele Jahre vergingen und Kadmon stieg am Hofe bis in den Kreis der Berater des Kaisers auf und häufte immensen Reichtum an. Doch seine Frau hatte ihn verlassen und seine beiden Kinder verachteten ihn und wollten nichts mit ihm zu schaffen haben, nur seinen Reichtum. Schließlich lebte er allein in seinem prächtigen Haus, umgeben nur von Dienern und Bediensteten. Als ihn Alter und Krankheit auf sein prächtiges Seidenbett warf, ging es zu Ende mit Kadmon. Auch die besten Ärzte konnten nichts mehr tun, als seinen Schmerz zu lindern, und auf seinem Totenbett erinnerte sich Kadmon der schönen Isela, der er ewige Treue geschworen hatte. Große Reue überkam ihn und bittere Scham. Hier an der Schwelle zur langen Reise fühlte er, daß Isela die Liebe seines Lebens gewesen war und er sie tief in seinem Herzen immer noch liebte. Seine Kammerfrau verließ für einen Moment das Zimmer, indem es mit Kadmon, der bittere Tränen vergoß, zu Ende ging. Als nach einer kleinen Weile die Kammerfrau zurückkehrte, bemerkte sie schon beim Betreten des Zimmers, daß Kadmon nicht mehr am Leben war, doch auf dem noch vor Kurzem verbitterten Gesicht des Toten lag ein glückliches Lächeln. Dann bemerkte sie die Wassertropfen auf seinem Gesicht und die feuchten Flecken auf Polster und Bettdecke und sie glaubte für einen Moment den Fluß zu riechen. Als sie dann auch noch die schlammige Spur, die zierliche, nackte Füße auf dem polierten Boden hinterlassen hatten sah, rannte sie schreiend aus dem Zimmer und weigerte sich, es noch einmal zu betreten.
Zwei Tage später wurde Kadmons Leiche mit großem Pomp zur Einäscherung geleitet, die am Platz am Fluß stattfinden sollte, der für hohe Würdenträger und Adelige reserviert war, um den sich an diesem Morgen der Flußnebel nicht lichten wollte. Kadmons Scheiterhaufen war mannshoch und das Holz mit duftenden Ölen getränkt. Mehrere Priester zelebrierten die Riten und ein hoher Würdenträger des Hofes entzündete den Scheiterhaufen. Als die Flammen loderten und eine Rauchsäule zum Himmel aufstieg, löste sich eine Nebelfahne aus dem dichten Nebel über dem Fluß und vermischte sich mit dem Rauch des Scheiterhaufens. Für einen Moment schien es vielen Trauergästen, als zeichneten sich im Rauch die Umrisse zweier sich innig küssenden Liebender ab. Doch dann trieb eine sanfte Brise Rauch und Nebel über den Fluß davon.”
Als Odomar geendet hatte, war es so still geworden, daß man das Holz im Feuer knacken und knistern hören konnte. Nicht wenige wischten sich über die feuchten Augen, und der bittersüße Nachklang der Erzählung hielt die Zuhörer einige Momente in seinem Bann, bevor sie in tosenden Applaus ausbrachen.
Die Herkunft Odomars ist ungewiss. Einige Stimmen wollen wissen, daß er der letzte Sproß eines in der Imera-Invasion untergegangenen Hauses ist, andere wieder behaupten, daß er ein armer Handwerker wäre. Wobei der Detailreichtum seiner Geschichten eher auf eine gebildete Person hinweist. Seine Geschichten spielen zumeist in der Zeit der Kaiser, die er als goldene Epoche darstellt. Seine Erzählungen schöpfen aus dem reichen Sagenschatz und Legenden des Reiches, doch sind, soweit ich es beurteilen kann, durchaus eigenständige Schöpfungen. Blutige Heldenepen oder Dramen um Verrat und Tod fehlen in seinen Erzählungen vollständig. Er verzaubert seine Zuhörer mit fantasievollen Geschichten über Liebe, Fabelwesen, Treue, Freundschaft, Hoffnung und Freude und seiner phänomenalen Gabe, mit verschiedenen Stimmen zu sprechen. Ich hatte dreimal die Gelegenheit, seinen Geschichten zu lauschen und kann zusammenfassend sagen, daß Odomar die Ziele des Hauses mit seinen Erzählungen fördert und seinen Zuhörern für eine Zeit die Härten des Lebens vergessen läßt. Eine Förderung durch das Haus wäre daher gerechtfertigt und zielführend.
Aus einem Bericht eines Auditor Umbrax der Leibwache an Kommandant Arn Melvart


Kommentare
The ending was honestly beautiful and bittersweet it stayed with me even after I finished reading. Was Isela and Kadmons story inspired by any real legend or was it completely your own creation?
Thank you for your kind comment! Actually the story is my own creation, but it revolves around fundamental human experiences, so I'm shure you can find some similar legends in folklore.
That makes a lot of sense it really has that timeless myth like feeling so I couldn't help wondering if it was inspired by an old legend. I really enjoyed reading it and thanks for taking the time to reply! I hope I don't miss any of your future stories if u happen to share updates anywhere outside of here Id definitely enjoy following your work.
It’s actually me who needs to thank you for your kind words and for taking the trouble to grapple with a German text. My world, Pelorn, is the only project I’ve got running online. If you fancy it, follow my world and you’ll automatically get a notification whenever a new article is posted. You can also join the Pelorn server on Discord if you want to stay in touch. I’m really looking forward to reading about your world.